„KARRIEREN HABEN KEIN GESCHLECHT“

Edith Wolf, Co-Sprecherin des Nationalen MINT Forums, äußert sich anlässlich des internationalen Frauentages zum Thema Gleichberechtigung bei der Berufswahl

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Unter dieser Überschrift machte die UNESCO am 11. Februar auf den internationalen Tag der Frauen und Mädchen in der Wissenschaft aufmerksam. Der Satz könnte nicht treffender sein: kaum eine Entscheidung im Leben wird so sehr geprägt durch Klischees, Vorurteile, Rollenbilder und Vorbilder wie die Berufswahl.

„Das ist doch eine Männerdomäne – bist du sicher, dass du das machen willst?“ Vielen Eltern ist auch heutzutage nicht bewusst, was sie mit einem solchen Satz bei ihren Töchtern auslösen, welche Klischees und negativen Mechanismen sie damit unterstützen. Auch heute denken viele noch in den Kategorien „Männer- und Frauenberufe“. Übrigens tut auch eine eklatante Ungleichverteilung im Geschlechterverhältnis des Lehrpersonals ihr Übriges dazu: so lange Mathematik, Physik, Chemie und Informatik nahezu ausschließlich von Männern vermittelt werden, ist die Wirkung von Vorbildern auf Mädchen sehr gering.

Die MINT-Disziplinen sind davon leider nach wie vor in besonderer Weise negativ betroffen. Ob im Physik-Leistungskurs, dem ersten Semester Informatik an der Universität, dem neuen Azubi-Jahrgang im Bereich der Mechatronik – die Anzahl der Frauen dort bleibt weiterhin deutlich hinter denen der Männer zurück. Dies setzt sich später in den Leitungsebenen, den Vorständen und Aufsichtsräten der Unternehmen fort.

Doch warum gelingt es seit Jahren nicht, diese Entwicklung zu brechen? Wir wissen: es liegt nicht an den schulischen Leistungen in diesen Fächern, nicht am fehlenden Ehrgeiz. Neben den oben schon genannten Gründen, die komplementiert werden durch wenig geschlechtersensible Berufsberatung und fehlende Role-Models, gibt es einen weiteren: Mädchen wird immer noch sehr früh in ihrer Bildungskarriere vermittelt, dass sie bei ihrer späteren Berufswahl die Vereinbarkeit von Familie und Job berücksichtigen müssen. Besonders Berufe aus den MINT-Disziplinen haben hier – zu Unrecht – einen schlechten Ruf. Zudem spielt für viele Mädchen und Frauen die Sinnhaftigkeit ihrer späteren Tätigkeit eine große Rolle, deshalb der starke Frauenüberhang in Pflege- und Erziehungsberufen. Auch hier bieten MINT-Berufe ein bisher vielfach verkanntes Potential, man denke an die Innovationen, die für die Gestaltung der Klima-, Energie- und Mobilitätswende dringend notwendig sind oder die Gesundheitsforschung.

MINT-Disziplinen eröffnen nicht nur Perspektiven für die begehrtesten und bestbezahlten Jobs der Welt, geben damit besonders Frauen Selbstbestimmung und starke Verhandlungspositionen, zum Beispiel auch bei der Aushandlung der Care-Work-Verteilung im privaten Raum, sie sind auch in vielen Bereichen besonders flexibel, mobil und ortsunabhängig auszuüben.

Mädchen und Frauen müssen zu einem frühen Zeitpunkt ihrer Berufswahl darin bestärkt werden, auch andere Kriterien anzulegen: Flexibilität ja, aber nicht nur in Bezug auf Vereinbarkeit und Familienplanung. Gute Bezahlung, Aufstiegs- und Entwicklungsperspektiven, die Aussicht auf Führungspositionen und damit auf Gestaltung und Selbstverwirklichung, all dies müssen auch für Mädchen und Frauen ganz normale Kriterien sein.

Das Nationale MINT Forum setzt sich auf verschiedene Ebenen dafür ein, dass zukünftig deutlich mehr Mädchen und Frauen ihre berufliche Perspektive im MINT-Bereich sehen. Hierfür brauchen wir jedoch nicht nur die Politik. Auch LehrerInnen, ErzieherInnen und vor allen Dingen die Eltern sollten daran mitwirken, dass Klischees bei der Berufswahl nur noch eine untergeordnete Rolle spielen. Sie sollten ihre Töchter dazu ermutigen, die Perspektive eines selbstbestimmten, unabhängigen Lebens in den Mittelpunkt ihrer Überlegungen zu stellen. Eine zunehmende Vielfalt in den MINT-Berufen würde durch neue Role-Models dabei helfen, falsche Vorstellungen und Vorurteile aus der Welt zu schaffen. Öffnen wir die vielfältige Welt der MINT-Berufe für Mädchen und Frauen. Es ist an der Zeit!

Zu diesem Thema hat Edith Wolf auch einen Gastbeitrag in der Sonderpublikation „Female Empowerment“ der WELT +, WELT E-Paper, sowie im E-Paper der FAZ veröffentlicht.

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